Abschlussbeitrag von Dr. Markus Ingenlath beim Symposium georgischer Studierender am 25. April 2026

Kirchen und Gesellschaft im Wandel der Zeit
Reflexion aus Sicht der Solidaritätsaktion Renovabis

Sehr geehrte Professorinnen und Professoren,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Studentinnen und Studenten,

zunächst möchte ich Ihnen sehr herzlich für die Einladung zu diesem Symposium danken und zugleich meine Anerkennung für die Beiträge aussprechen, die wir heute hören durften. Sie haben gezeigt, wie intensiv und differenziert Sie sich als junge Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit der Geschichte und der Gegenwart ihrer Kirche auseinandersetzt. Für uns als Renovabis ist es ein wichtiges Anliegen, solche Orte des Austauschs zu unterstützen, weil sie nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Begegnung ermöglichen und damit langfristig Vertrauen schaffen.

Der Anlass Ihres Treffens – 1700 Jahre Christentum als Staatsreligion in Georgien – lenkt den Blick auf ein historisches Ereignis, das weit über eine kirchliche Entscheidung hinausging. Die Christianisierung hat die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung Georgiens nachhaltig geprägt und das Überleben des Staates gesichert. Dabei entwickelte sich ein besonderes Verhältnis zwischen Kirche und Staat, das sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert hat.

Wandel im Verhältnis zwischen Kirche und Staat gab es auch im Westen: man denke nur an den Investiturstreit, die Reformation oder die Säkularisation. Eine solche Phase des Wandels steht auch am Anfang der Geschichte von Renovabis: Unsere Organisation wurde im Jahr 1993 als Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa gegründet. Der unmittelbare Hintergrund waren die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche nach dem Ende des Kalten Krieges, die in vielen Ländern tiefgreifende Veränderungen ausgelöst hatten – nicht nur in staatlichen Strukturen, sondern auch in den Gesellschaften und im kirchlichen Leben. Seitdem helfen wir bei Renovabis dabei, die materiellen Folgen der Sowjetdiktatur und des Totalitarismus ebenso zu überwinden wie die geistigen Folgen des Marxismus-Leninismus.

Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, hat sich der Charakter unserer Arbeit deutlich verändert. Während in den ersten Jahren der Wiederaufbau kirchlicher und sozialer Strukturen im Vordergrund stand, geht es inzwischen stärker um Fragen der Bildung, der sozialen Integration und der institutionellen Stabilität. Dabei verstehen wir unsere Arbeit bewusst auf zwei miteinander verbundenen Ebenen: als konkrete Projektarbeit und als kontinuierlichen Dialog.

Projektarbeit ist notwendig, um praktische Unterstützung zu leisten und konkrete Probleme zu lösen.

Dialog ist notwendig, um Vertrauen aufzubauen, unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen und langfristige Zusammenarbeit zu ermöglichen. Aus unserer Erfahrung lässt sich sagen, dass nachhaltige Entwicklung nur dann gelingt, wenn beide Elemente zusammenwirken.

Schwerpunkte unserer Arbeit in Georgien – Entwicklung eines langfristigen Engagements

Was tun wir in Georgien? Wenn wir auf unser Engagement in Georgien zurückblicken, sehen wir eine Entwicklung, die eng mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen des Landes verbunden ist. Das erste Projekt, das Renovabis unterstützt hat, war in den 1990er Jahren ein Lada Niva 4×4 für Ordensschwestern. Dieses Projekt war vergleichsweise klein, aber es zeigt exemplarisch, wie unsere Arbeit begonnen hat: mit sehr konkreter Unterstützung für Menschen, die in schwierigen Rahmenbedingungen Verantwortung übernommen haben. In den folgenden Jahren hat sich unser Engagement schrittweise ausgeweitet und ist in größere Projekte gemündet, etwa in die Unterstützung der Sulkhan-Saba-Orbeliani-Universität in Tiflis.

Ein wichtiger Bereich unserer Arbeit betrifft die katholische Kirche in ihrer Diasporasituation, die in Georgien eine kleine, aber sehr engagierte Gemeinschaft bildet. Gleichzeitig arbeiten wir eng mit anderen christlichen Kirchen zusammen, insbesondere mit der georgisch-orthodoxen Kirche, der chaldäisch-katholischen Kirche und der armenisch-katholischen Kirche. Diese Zusammenarbeit ist nicht nur Ausdruck ökumenischer Offenheit in der Vielfalt, sondern auch eine praktische Notwendigkeit, weil viele gesellschaftliche Herausforderungen nur gemeinsam bewältigt werden können.

Besondere Bedeutung hat für uns der Bereich der Bildung und Nachwuchsförderung. Bis heute haben wir 32 georgische Stipendiatinnen und Stipendiaten für weiterführende Studien in Deutschland und anderen europäischen Ländern unterstützt, etwa die Hälfte von ihnen aus der orthodoxen Kirche. Insgesamt sind bislang über 700.000 Euro in diese Stipendienförderung geflossen. Aus unserer Sicht ist diese Form der Förderung zugleich ein wichtiger Beitrag zum Dialog zwischen Kirchen und Gesellschaften. Und deshalb spreche ich an dieser Stelle ganz bewusst Sie persönlich an, die heute hier sind oder selbst Teil eines solchen Programms waren oder sind.

Sie haben die Möglichkeit – und auch die Freiheit –, andere akademische und kirchliche Systeme kennenzulernen, andere Denk- und Arbeitsweisen zu erleben und sich mit unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Diese Erfahrung ist nicht selbstverständlich, und sie ist auch kein Selbstzweck. Wir erhoffen uns vielmehr, dass Sie aus Ihrer Zeit hier das mitnehmen können, was für Sie selbst und Ihre Kirche hilfreich ist, und dass Sie diese Erfahrungen später in Ihre eigenen beruflichen Kontexte einbringen.

Dabei geht es nicht darum, ein Modell einfach zu übernehmen oder Unterschiede zu übersehen. Es geht darum, das Beste aus beiden Welten wahrzunehmen, kritisch zu prüfen und verantwortungsvoll weiterzuentwickeln. Wer sich in zwei kirchlichen und gesellschaftlichen Kontexten bewegt, lernt oft besonders gut, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu verstehen und Missverständnisse zu erkennen: Wir wollen sie als Brückenbauer!

Wenn Sie in Ihre Heimat zurückkehren oder Ihre berufliche Laufbahn dort fortsetzen, bringen Sie daher nicht nur Fachwissen mit, sondern auch persönliche Erfahrungen, Kontakte und ein vertieftes Verständnis dafür, wie internationale Zusammenarbeit funktionieren kann. Auf diese Weise entsteht Dialog nicht als abstrakte Idee, sondern in konkreten Beziehungen zwischen Menschen, die einander kennen und einander zuhören.

Umbrüche und Herausforderungen – veränderte Rahmenbedingungen für Bildung und Zivilgesellschaft

In den letzten Jahren hat sich das Umfeld für kirchliche und zivilgesellschaftliche Arbeit in Georgien spürbar verändert. Diese Veränderungen betreffen insbesondere den Bildungsbereich und die rechtlichen Rahmenbedingungen für Organisationen in der internationalen Zusammenarbeit.

Ein Thema, das derzeit intensiv diskutiert wird, ist die geplante Reform des Hochschulsystems. Die vorgesehenen Maßnahmen zielen unter anderem auf eine stärkere Steuerung von Universitäten, etwa durch Eingriffsmöglichkeiten in Leitungsstrukturen, Budgets und Curricula. Solche Reformen werden in vielen Ländern aufmerksam verfolgt, weil sie grundlegende Fragen nach der Rolle von Hochschulen in der Gesellschaft berühren.

Lassen Sie mich feststellen: Universitäten sind traditionell Orte der Forschungsfreiheit und des offenen Diskurses. Diese Freiheit gilt im internationalen Wissenschaftsbetrieb als ein zentraler Standard und als Grundlage dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnis entstehen, überprüft und weiterentwickelt werden kann. Wissenschaft lebt davon, dass unterschiedliche Ansätze nebeneinander bestehen dürfen und dass Argumente im Austausch miteinander geprüft werden.

Ein Bildungssystem, das auf Dauer tragfähig und international anschlussfähig sein soll, braucht daher Offenheit für verschiedene Perspektiven und sollte keine einzelne Meinung oder Haltung bevorzugen. Gerade Professoren, Lehrende und auch die Studierenden müssen die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen, Positionen zu entwickeln und auch kontroverse Standpunkte zu diskutieren ohne befürchten zu müssen, aufgrund ihrer Überzeugungen benachteiligt zu werden.

Aus unserer Erfahrung in der internationalen Zusammenarbeit zeigt sich immer wieder: Unterschiedliche Meinungen müssen kein Hindernis sein. Im Gegenteil – sie können, wenn sie respektvoll miteinander ins Gespräch gebracht werden, zu einem fruchtbaren Austausch führen und dazu beitragen, dass Institutionen und Gesellschaften langfristig stabil bleiben. Wir sehen das im Augenblick in der katholischen Kirche in Deutschland beim Ringen um Synodalität.

Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft das sogenannte Transparenz- oder Agentengesetz, das Organisationen mit einem hohen Anteil ausländischer Finanzierung verpflichtet, sich registrieren zu lassen und zusätzliche Berichtspflichten zu erfüllen. Dieses Gesetz hat in der Praxis zu neuen administrativen Anforderungen geführt, die insbesondere Organisationen, die auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen sind, betreffen.

Für Renovabis bedeutet das konkret, dass finanzielle Mittel heute nicht mehr unmittelbar an Projektpartner ausgezahlt werden können, sondern über zusätzliche Prüf- und Kontrollverfahren laufen müssen. Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bei der Caritas Georgien, deren Arbeit wir in vielen Bereichen unterstützt haben. Diese reichen von der Unterstützung und der Integration von Flüchtlingen nach dem Georgienkrieg 2008 bis zu aktuellen Förderungen im Bildungsbereich sowie Unterstützung von älteren Menschen und sozial Benachteiligten.

Für uns ist diese Situation nicht Anlass zu grundsätzlicher Kritik als vielmehr zu einer sorgfältigen Reflexion über die Bedingungen, unter denen internationale Zusammenarbeit heute stattfindet. Wir haben Verständnis, dass sich staatliche Prioritäten und Förderentscheidungen im Laufe der Zeit verändern können, insbesondere dann, wenn Regierungen unter finanziellen oder haushaltspolitischen Einschränkungen stehen und mit begrenzten Ressourcen umgehen müssen. In solchen Situationen wird sich aus unserer Sicht immer auch zeigen, welche Bereiche als besonders schützenswert gelten – etwa die Unterstützung von Menschen in Armut, von Familien in schwierigen Lebenslagen oder von jungen Menschen ohne Zugang zu Bildung und Ausbildung – dann zeigt sich das Menschsein.

Gute Regierungsführung lässt sich langfristig daran erkennen, dass sie trotz begrenzter Mittel Verantwortung für die Schwächsten in der Gesellschaft übernimmt und zugleich Rahmenbedingungen schafft, die Vertrauen ermöglichen. Dazu gehören transparente Verfahren sowie die Achtung und Stärkung grundlegender Rechte. Diese Prinzipien sind keine abstrakten politischen Forderungen, sondern praktische Voraussetzungen dafür, dass staatliche Institutionen, Kirchen und zivilgesellschaftliche Organisationen verlässlich zusammenarbeiten können.

Für uns als Renovabis bedeutet das konkret, dass wir unsere Projekte weiterhin in enger Abstimmung mit lokalen Partnern umsetzen und dabei die jeweiligen rechtlichen Vorgaben sorgfältig berücksichtigen.

Schluss – einige Fragen zum Weiterdenken

Zum Abschluss möchte ich keine abschließenden Antworten formulieren, sondern einige Fragen stellen, die sich aus den heutigen Diskussionen ergeben und die vielleicht auch für Ihre eigene Arbeit und Ihre persönliche Zukunft relevant sein können. Mich würde interessieren, wie Sie als junge Theologinnen und Theologen oder als Studenten anderer Fachrichtungen die Rolle Ihrer Kirche in den kommenden Jahren sehen.

1. Welche Erwartungen verbinden Sie mit Ihrer Kirche im Hinblick auf Bildung, gesellschaftliche Verantwortung und internationale sowie ökumenische Zusammenarbeit?

2. Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrem Alltag – etwa im Studium, in der pastoralen Praxis oder im gesellschaftlichen Engagement – und welche Unterstützung wünschen Sie sich dabei von kirchlichen Institutionen?

Und schließlich stellt sich vielleicht auch eine grundsätzliche Frage:

3. Welche Formen des Dialogs halten Sie heute für besonders wichtig – innerhalb Ihrer Kirche, zwischen den Kirchen und im Verhältnis zur Gesellschaft?

Diese Fragen lassen sich nicht in einem einzelnen Vortrag beantworten, aber sie können ein Ausgangspunkt für weitere Gespräche sein.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf den Austausch im Anschluss.

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